Interview mit Hans Ambrosi

Aus RheingauerWein

"Ich hatte eine Vision"

rheingauerWein im Gespräch mit dem "Eisweinkönig" Dr Hans Ambrosi

rheingauerWein besuchte Dr. Hans Ambrosi, den Autor des Bild- und Infobandes "Rheingau Pur". Dieser Bildband ist inzwischen in der 4. Auflage erschienen und erfreut sich weiterhin sehr großer Beliebtheit.

rheingauerWein: Herr Dr. Ambrosi, wenn Sie sich Ihr Buch so ansehen, gibt es darin eine Seite oder ein Thema, das Ihnen am Besten gefällt?
Hans Ambrosi: right

Mit Abstand am meisten erfreut mich das Titelbild, da ursprünglich ein ganz konservatives Titelbild vom Verlag ausgesucht wurde. Als ich aus meinem Urlaub in Südafrika zurückkam, präsentierten sie es mir. Zu dieser Zeit kamen gerade die Bilder der Steinberger Tafelrunde beim Rheingau Musik Festival in Oestrich-Winkel an. Diese Bilder wurden von einer auf 70 Meter ausgefahrenen Feuerwehrleiter fotografiert. Sie haben mir auf Anhieb gefallen und wenn Sie das Buch ganz aufschlagen, dann ist es ja noch imposanter - das freut mich am meisten.

Es gefällt nicht nur mir (stimmt - Anm. d. Redaktion)! Die Leute, die auf mich zu kamen, sagten alle, sie sahen an der Kasse vorne dieses Bild und haben ohne viel aufzuschlagen zugegriffen. Das wäre also einmalig.

Ebenso gefällt mir aber auch das Layout im Innern. Es ist sehr professionell und modern. Peter Quirin hat mit seiner Art des Layouts etwas Wunderbares geschaffen.

Denn das Layout kommt vor allem bei den jungen Leuten fabelhaft an. Ich dachte zwar, das sei zu unruhig und diese vielen briefmarkengroßen Bilder brächten auch eine gewisse Unruhe hinein - aber, wenn man diese Bilder genau betrachtet, sind sie nicht einfach so verkleinert, um irgendwas zu vertuschen - sie haben auch unheimlich viel Inhalt.

rheingauerWein: Das hat mir auch sehr gut an Ihrem Buch gefallen. Vor allem kann man das Buch aufschlagen und sofort bekommt man Lust auf mehr Rheingau (das Buch durchblätternd) ...

Hier sehen wir zum Beispiel die Kunst, das Rheingau Musik Festival oder dort wird das Jahr der Rebe wunderbar dargestellt.

Hans Ambrosi: Nehmen Sie doch zum Beispiel diese Seite ("Das Jahr der Rebe" Seite 96-97). Das Besondere ist doch der Übergang und die Harmonie zwischen den Bildern. Da kann auch die gefrorene Traube mit der Edelfäule schön sein. Ich finde es einfach einmalig.
rheingauerWein: Wo wir hier gerade beim Eiswein sind. Sie waren es doch, der 1966 im Rheingau mit dem Eiswein angefangen hat?
Hans Ambrosi: Angefangen hatte eigentlich mein Betriebsleiter Walter Mengel aus Assmannshausen. Er war besessen von dem Gedanken einen Eiswein zu lesen. Vor 1966 hatte er schon ein wenig experimentiert und in dem Jahr, als ich in den Rheingau kam, hat er damit groß angefangen. Obwohl ich zu dieser Zeit noch viele andere Dinge im Kopf hatte, unterstützte und förderte ich Walter Mengel sehr. Meine Betriebsleiter und ich waren uns einig, daß wir dies auf allen Domänen fortführen sollten und das ist eine absolute Neuheit. Bevor wir die Eisweinlese so kommerziell betrieben haben, war der Name Eiswein für die Winzer ein Horror. Das liegt daran, daß, wenn der Frost zu früh kommt, die Trauben zu faulen und zu stinken anfangen. Sie können eine gefrorene Beere, die wieder aufgetaut ist und bei der wohl ein Verwesungsprozess begonnen hat, nicht im Mund behalten. Aber Walter Mengel ist darauf gekommen, daß, wenn er die gefrorenen Trauben sofort erntet und somit diesen Prozess nicht zuläßt, der Saft absolut sauber ist - so sauber wie Gletscherwasser.

left Sie haben einen ganz anderen Geschmack und die Trauben sind aromatischer. Die Beerenauslese zeigt die Botrytis stark. Eine Art muffiger Ton, der gerade beim modernen Trinker nicht anerkannt wird. Aber beim Eiswein ist das eine ganz frische Frucht mit ihrer idealen Reife.

Das zu erkennen und daraus etwas Neues zu machen, war unser Verdienst, denn bei 70.000 Winzern in Deutschland muß man sehen, daß man auffällt.

Meinen ersten Eiswein habe ich übrigens am Kap der guten Hoffnung bei 40 Grad im Schatten gemacht. Wir haben bei der Lese reife Trauben auf einem Lastwagen gepflückt und im Hafen wurden diese in einem Kühlhaus auf minus 10 Grad heruntergekühlt. Nach einer gewissen Zeit wurden die inzwischen gefrorenen Trauben wieder herausgeholt und gekeltert. Aber der Wein war dick und klebrig, so daß er nicht das Aroma wie die Rheingauer Eisweine entfalten konnte. Mit dieser Erkenntnis kam ich hier im Rheingau an und da erzählte mir Walter Mengel von seiner Idee, Eisweine zu lesen. Meinen Betriebsleitern ist es zu verdanken, da sie sofort auf diesen Wagen aufsprangen und alle mitmachten, obwohl der Arbeitsaufwand so enorm war. Denn jeder Winzer ist froh, wenn er nach der Lese wieder Ordnung in seinen Keller bekommt. Doch beim Eiswein muß der Winzer warten und warten und warten.

Aber sie waren alle so fasziniert vom Eiswein, daß keiner gemurrt hat. Und so kam es, daß wir plötzlich die Eisweinkönige waren.

Eine ganze Weinversteigerung im Kloster Eberbach konnten wir sogar nur dem Eiswein widmen. Auf dem Plakat stand ganz groß "Eisweinversteigerung". Damals haben wir Rekordpreise für die Eisweine erzielt und heute ist der Eiswein doppelt so hoch bezahlt wie Beeren- oder Trockenberrenauslesen.

rheingauerWein: Sie waren seit 1966 immer an den Veränderungen im Rheingau beteiligt. Das Rheingau Musik Festival kam zum Beispiel nach Kloster Eberbach und auch die Weinversteigerungen fanden in Eberbach statt. Sie haben immer an den Veränderungen teilnehmen dürfen.

Wenn man sich Ihr Buch "Rheingau Pur" ansieht, stößt man immer wieder auf Kloster Eberbach, das Sie meiner Meinung nach, als Sie aus Südafrika kamen, aus seinem Dornröschenschlaf erweckt haben. Heute haben wir mit Kloster Eberbach ein Kulturgut ersten Ranges.

Hans Ambrosi: Da kamen mehrere Faktoren zusammen. Diese Faszination, daß ich Kloster Eberbach übernehmen durfte! Als ich zum ersten Mal durch das Kloster geführt wurde und in die Basilika kam - das war damals noch eine Rumpelkammer und die Strasse führte durchs Kloster - da hatte ich eine Vision: das Kloster aufgeräumt und alles in Ordnung war gebracht. Vorne spielte im Chorraum ein Orchester und Musik erschallte im Raum. Ich bin dann direkt stehen geblieben und hatte Tränen in den Augen. ICH HATTE EINE VISION. Und diese Elemente haben es eben zustande gebracht, daß ich mit dem Unternehmergeist des Kolonisten in den Rheingau zurückkam.

Und dann hatte ich ja noch diese fabelhafte Mannschaft. Alle Entscheidungen wurden zwischen Tür und Angel getroffen. Nicht so wie heute. Aber wir waren sehr erfolgreich.

Für mich ist das Kloster ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, da ich sieben Minister überlebt und ein halbes Dutzend Androhungen von Disziplinarverfahren wegen unbeamtenmaessigen Benehmens durchstehen mußte, WEIL ich Kloster Eberbach geöffnet habe. Zuerst hieß es immer, daß wird ja eine Drosselgasse, was der da machen will. Es gab anfangs dauernd Missverständnisse, aber der Erfolg gibt mir Recht.

rheingauerWein: Sie haben nun schon 37 Bücher geschrieben. Gibt es da überhaupt noch ein Buch, das Sie gerne einmal herausbringen würden?
Hans Ambrosi: Ja, die Geschichte der Staatsweingüter vom Kriegsende bis 2000, denn da ist ja auch viel Herzblut drin.

rheingauerWein dankt Herrn Dr Hans Ambrosi für den schönen Vormittag und gratuliert ihm recht herzlich zum 75. Geburtstag.

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Dr. Hans Ambrosi wurde am 24. Februar 1925 in Siebenbürgen geboren. Mit 18 Jahren wurde er direkt vom Gymnasium zum Militär eingezogen. In der Nachkriegszeit promovierte er in Geisenheim und verliebte sich in den Rheingau. Beruflich ging er 1955 für 11 Jahre nach Südafrika, bevor er wieder in den Rheingau zurückkam - wie er sagt, in seine neue Heimat.

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